Das Archiv als Ort der Verhandlung
Wie sehr sich das Medium Film bereits in seiner Vergangenheit entwickelt hat, zeigt sich in der Diversität seiner Trägermaterialien: vom Zelluloid des Schmalfilms über das Magnetband bis zur digitalen Scheibe.
Das Festival Archivio Aperto, das seit 2008 jährlich in Bologna stattfindet und von Home Movies – Archivio Nazionale del Film di Famiglia organisiert wird, widmet sich der Sichtbarmachung, Reflexion und Aufklärung des kleinformatigen Filmerbes sowie dessen zeitgenössischer Wiederverwendung.
Im Zentrum dieses in Kollaboration mit Archivio Aperto kuratierten Programms steht die Einladung, Geschichte immer wieder neu zu befragen. Untersuchungsgegenstand ist nicht allein das Archivmaterial selbst, sondern auch dessen Rekontextualisierung. So wird deutlich, dass Geschichte nie einfach nur erzählt wird, sondern stets eine Konstruktion ist, die von Perspektive, Auswahl und Kontext abhängt.
Die hier gezeigten Filme entstehen selbst aus einem Resonanzraum: dem persönlichen, künstlerischen Dialog ihrer Regisseurinnen mit dem Archivmaterial. Es wird
kontextualisiert, neu montiert und in andere Zusammenhänge gestellt. Aus fremden Bildern werden eigene Filme. Sie schreiben Erzählungen fort, verschieben sie, brechen sie auf.
Das Archiv erinnert und bewahrt nicht nur, sondern wird zum Ort der Verhandlung: Geschichte löst sich auf und formt sich neu. – Stella Kluge, Young People’s Choice
Trip After
donnerstag 8 okt 19:00 filmmuseum | eröffnung

In den 1960er Jahren reisten die mobilen Filmteams des United States Information Service (USIS) durch den Nordosten Thailands und zeigten im Rahmen einer psychologischen Operation ihre selbst produzierten Propagandafilme vor einem ländlichen Publikum. „The Community Development Worker“, eines ihrer beliebtesten Werke, wurde ebenfalls in einer Provinz dieser Region gedreht. „Trip After“ ist ein Reise-Vlog aus dem Jahr 2022, der von den Exkursionsberichten dieser mobilen Filmteams des USIS inspiriert ist. Der Film kehrt an dieselben Orte zurück, an denen die ursprünglichen Vorführungen und Dreharbeiten stattfanden – sei es, um den Eindruck vergangener Ereignisse nachzuzeichnen, zu artikulieren oder zu erfinden.
Archivmaterial
„The Community Development Worker“ (1963), Kurzdokumentarfilm, produziert vom United States Information Service (USIS) in Bangkok zu Propagandazwecken für Vorführungen in ländlichen Gebieten. Filmausschnitt bereitgestellt vom Filmarchiv Thailand. „Sherlock Jr.“ (1924), Stummfilm unter der Regie von Buster Keaton, gemeinfrei.
Ukrit Sa-nguanhai
Sein besonderes Interesse gilt der Ästhetik des Amateurfilms und der frühen Filmgeschichte. Der Filmemacher lebt in Bangkok.
Ukrit Sa-nguanhai | TH, NZ 2022 | 10 min | B+E: Ukrit Sa-nguanhai | Stimmen: Kedkaew Kumarasit, Suriya Saiwaew, Thanaphon Thepthong, Fasai Wongbun, Samran Somboon | P: Tuntita Nititsopon
Autorretrato a los 13
freitag 9 okt 18:00 filmmuseum | archivio aperto

Ein Zimmer, eine Jungfrau Maria, Zahnpasta-Werbung, Bikinis, der Krieg zwischen Ecuador und Peru, venezolanische Seifenopern, Spätnachrichten, der Teufel und die Sonne – ein Kind entdeckt das Kino. Eine schizophrene Videocollage, wie die ecuadorianische Identität oder das neue Jahrhundert.
Archivmaterial
Ecuadorianische Fernsehnachrichtensendungen der Sender Ecuavisa, Teleamazonas und Si TV aus den Jahren 1990 bis 1996 sowie ein privates Mini-DV-Archiv von 2006.
Oscar X. Illingworth
Ecuadorianischer Dokumentarfilmer und Filmeditor. In seinen Filmcollagen verbindet er Archivaufnahmen mit zeitgenössischem Material, um Themen wie Geschichte, Identität und die ständige Spannung zwischen Mensch und Natur zu beleuchten.
Oscar X. Illingworth | EC 2025 | 18 min
Sensitive Material
freitag 9 okt 18:00 filmmuseum | archivio aperto

Ausgangspunkt des Films ist eine Sammlung zufällig aufgenommener Glücksmomente und eine versehentlich aufgezeichnete Tonaufnahme. In einem schmerzhaften Gespräch spricht die fünfzigjährige Lilia über ihr psychisches Trauma, das auf die ständigen Streitigkeiten ihrer Eltern während ihrer Kindheit zurückzuführen ist, während ihre Mutter den Mangel an Liebe mit den strengen Rahmenbedingungen einer totalitären Gesellschaft rechtfertigt.
Nataliya Ilchuk
Geb. 1985 in Lviv. Filmstudium in Kiew, Warschau und Le Fresnoy, Frankreich. Sie arbeitet mit privaten Archiven und untersucht den Einfluss moderner Technologie und politischer Ideologie auf die Gestaltung menschlicher Beziehungen und künstlerischer Prozesse.
Nataliya Ilchuk | UA 2021 | 26 min
HOW TO WRITE, an AI guide in four steps
freitag 9 okt 18:00 filmmuseum | archivio aperto

In einer Zukunft ohne Vorstellungskraft bedeutet Geschichtenerzählen, die Vergangenheit wiederzuverwerten. Ein Tutorial im Retro-Stil, das von einer KI erzählt wird, zeigt Kreativen, wie sie Fragmente alter Erzählungen miteinander kombinieren können, und verdeutlicht dabei, dass Schaffen eine Konstruktion und keine Erfindung ist.
Archivmaterial
Filmmaterial aus verschiedenen Online-Archiven, das mit einer Public-Domain-Lizenz versehen ist: Prelinger Archives, Eva Völkstorm, die Mario-Perez-Videosammlung und der Al-Larvick-Conservation-Fund.
Nicola Eddy
Geb. 1993 in Venedig. Filmeditor, Drehbuchautor und Regisseur. Er beschäftigt sich mit Erinnerung und wandelnden Identitäten.
Nicola Eddy | IT 2025 | 9 min | B+E: Nicola Eddy | M: Andrea Fabris, Alessandro Gambato | WS: Giungla
State of Elevation (Condition d’élévation)
freitag 9 okt 18:00 filmmuseum | archivio aperto

An Bord eines Stratosphärenballons, dessen Geheimnis sie hütet, macht eine Teenagerin im
Weltraum eine seltsame Begegnung. Zwei Ermittlungen versuchen, die Wahrheit vom Falschen zu trennen. Die eine findet in der Gegenwart statt, die andere in der Vergangenheit. Die eine bedient sich Bildern, die andere der Sprache. Die eine blickt in den Weltraum, die andere in die Tiefen … So verbindet die Geschichte einer Suche Archivmaterial und Fiktion.
Archivmaterial
Observatoire de l’Espace du CNES.
Isabelle Prim
Sie lebt und arbeitet in Paris. In ihren Filmen verbinden sich Experimentelles und Erzählerisches, Archivmaterial und Fiktion.
Isabelle Prim | FR 2021 | 20 min | E: Isabelle Prim | S+M: Géry Petit | P: Observatoire de l’Espace du CNES | Stimmen: Stéphane Freiss, Félice Cusset, Richard Peyraud, Isabelle Prim
The Veiled City
freitag 9 okt 18:00 filmmuseum | archivio aperto

Eine spekulative Stadtsinfonie, inspiriert vom Großen Smog von London im Jahr 1952. Die aus Archivaufnahmen zusammengestellte Geschichte entfaltet sich anhand fiktiver Briefe aus einer postapokalyptischen Zukunft. Der Film lädt dazu ein, den Smog im Kontext der heutigen Klimakrise zu verstehen.
Archivmaterial
BFI National Archive, British Pathé, AP, British Movietone, North West Film Archive, Media Archive Central England, Getty Images, Kinolibrary, Critical Past
Natalie Cubides-Brady
Autorin und Regisseurin mit einem Hintergrund in der bildenden Kunst. Sie arbeitet an der Schnittstelle zwischen Dokumentarfilm und Fiktion.
Natalie Cubides-Brady | GB 2023 | 13 min | B: Natalie Cubides-Brady | S: Ben Goodall | E: Ona Bartroli | P: Jacob Swan Hyam | Mit Aerynne Eastwood


