Vilém Flusser hat die fotografische Geste als phänomenologische beschrieben: eine Suche nach Standpunkten, vorgezeichnet vom Programm des Apparats, aber nie ganz von ihm erschöpft. Die MiniDV-Kamera im Club, in den Jahren 1997 – 2004 in vielen Händen gehalten,
radikalisierte diese Geste – sie war beweglich, kollektiv, vom Affekt geführt statt kalkuliert. Ein Film entstand 2004 aus diesem Bestand: montiert aus Hunderten Stunden
Material, gedreht von vielen rund um Veranstaltungen eines in München ansässigen internationalen Musik-Labels. Die Methode nahm vorweg, was erst mit YouTube zur Norm werden sollte – nutzergenerierte Aufzeichnung vor der Plattform, die erst später in Erscheinung trat, um diese zu verwalten und zu monetarisieren. Die Montage entzifferte aus diesem Bildkonvolut eine Historiografie des Labels und seines Hypes.
Zwanzig Jahre später kehrt das Material zurück – nicht als Erinnerungsstück, sondern als Frage. Was heißt Autor:innenschaft, wenn die Kamera schon damals in vielen Händen lag und sich der Film erst in der Montage ergab? Und was heißt „keine Freigabe” – technisch, juristisch, epistemisch – wenn das Archiv seiner eigenen Verwaltung entwachsen ist? KEINE FREIGABE – Hidden Track of a Label History ist eine Archive Lecture mit Filmausschnitten, Dokumenten und Gespräch. – Angelika Lepper


Angelika Lepper
Künstlerin und Filmeditorin. Sie studierte an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe, Tür an Tür mit dem ZKM – Zentrum für Kunst und Medien, Medienkunst /
Film und Philosophie und Ästhetik. Von 2004 bis 2014 war sie an der Filmuniversität Potsdam-Babelsberg als künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. 2007 war sie Gastprofessorin für Experimentelle Television an der Bauhaus Universität Weimar. 2026 hielt sie bei der UNDERDOX halbzeit eine Lecture zu „Primitive Diversity. Alexander Kluge und der Konjunktiv der Bilder”.
Sie ist Mitglied im Bundesverband Filmschnitt und setzt sich für den Nachwuchs sowie in der AG KI für die Verbesserung der politisch-beruflichen Bedingungen von Filmeditor:innen ein.