UNDERDOX halbzeit | 11 juni 2026
filmmuseum münchen 19 uhr | zu gast: Angelika Lepper
Alexander Kluge
Der kürzlich verstorbene Alexander Kluge (14.02.1932, Halberstadt – 25.03.2026, München) blieb bis zu seinem Tod ein Vordenker und Pionier des Bewegtbildes. Zuerst hatte er 1962 den deutschen Film als Unterzeichner des Oberhausener Manifests verjüngt und von der Erstarrung der Nachkriegszeit befreit. Seine Kinofilme experimentieren mit den Möglichkeiten des Erzählens.
Ab 1988 revolutionierte er das Privatfernsehen, dehnte mit dem konzentrierten Gesprächsformat „10 vor 11“ die Sendezeit und rief das „Fernsehen der Autoren“ aus.
Die künstliche Intelligenz war sein letztes Abenteuer. In zwei Langfilmen lotete er die Virtualität aus, setzte eine „virtuelle Kamera“ ein und verband die künstliche mit seiner eigenen Intelligenz.
Die künstlerische Forscherin und Filmeditorin Angelika Lepper beleuchtet ausgehend von Kluges letztem Langfilm „Primitive Diversity“ (2025) die Wirkungskraft der KI für die Kunst und das Bewegtbild. Sie beschäftigt sich mit dem, was zwischen den Bildern passiert: Montage als Methode, als Epistemologie, und – seit KI dieselbe Frage anders stellt – als umkämpftes Terrain.
„Die Irrtümer der KI sind besser als manche Einsicht von uns.“ – Alexander Kluge
Primitive Diversity
Man zählt einige der Filme aus der Zeit von 1895 – 1929, die ich als Filmemacher liebe, zur Tradition der Primitive Diversity. ‚Primitiv‘ ist hierbei nicht als Schlagwort gebraucht, sondern meint – entsprechend dem englischen Sprachgebrauch laut Oxford Dictionary –‚ursprünglich‘, ‚früh‘, ‚unsophisticated‘. Es geht um einfache Vielfalt. Sie ist heute, im Jahr 2025, so wichtig wie das liebe Brot.
Wir leben in einer Zeit voller Unruhe und Störung (‚Disruption‘). Ein Zeitalter der Unheimlichkeit. Gesetzt den Fall, aus dem Konflikt zwischen NATO, Ukraine und Russland entsteht kein hundertjähriger Krieg, Gesetzt den weiteren Fall, dass das ‚politische Magma‘ im Gaza, dem Libanon und dem Nahen Osten, nicht als Vulkan explodiert: dann ist immer noch damit zu rechnen, dass die Mächte China und USA einander in die Haare geraten. Ein solcher Krieg im Pazifik würde nach drei Tagen oder spätestens nach vier Wochen unsere Algorithmenwelt – samt den digitalen Clouds, die die Völker bisher noch verbinden – vernichtet haben. Das alles braucht Trost.
Zum Kino gehörte – in seiner Zeit der Primitive Diversity –, dass es tröstet: weil es einen Augenblick aus der Aktualität entführt, damals noch stumm war und weil es den extremen Ausdruck, das Groteske, zulässt. Das gehört zur ‚Freiheit des Geistes‘. – Alexander Kluge
programm:
Lecture mit Angelika Lepper zu PRIMITIVE DIVERSITY

Eine scharfe, nüchterne, bissige Reise, zugleich ironisch und voller Freude, unternommen mit den Mitteln der KI. Sie führt durch die Geschichte und Zukunft der Bildtechnologie, die Politik und menschliche Fehlbarkeiten. Im Zentrum steht das Jahrhundert des Kinos: seine politischen Sackgassen und humanitären Katastrophen, aber auch seine Utopien und gelungenen Eutopien. Der Großteil der oft grell-bunten Bildwelt wurde mithilfe von KI erschaffen; zugleich sind andere Materialien und Texturen eingewoben: Ausschnitte aus Kluges essayistischem TV-Labor, darunter eine Szene, in der Helge Schneider, Deutschlands wohl größter lebender Komiker, das Stummfilmkino allein durch Mimik und Gestik erklärt und aufführt.
PRIMITIVE DIVERSITY
R: Alexander Kluge | DE 2025 | 80 min
