UNDERDOX hebt mit dem Thema „Erinnern“ die beschwörende und bewahrende Kraft des Mediums ins Zentrum seiner 21. Ausgabe.

Statement der Festivalleitung zum Thema „Erinnern“
„Unser diesjähriges Thema ‚Erinnern’ verstehen wir als eine Einladung zum Sehen, das tief in das Vergangene hinabführt: Sehen wir mit den Filmen die Bilder der Vergangenheit. Erinnern wir uns mit ihnen an die vergangene Zeit, auch im Sinne der Erinnerungskultur. Und an Filme, die wir gesehen haben, als ästhetische Fragestellung. Filme spannen im Moment der Projektion auch einen biografischen Resonanzraum auf: zu unseren eigenen Gedanken und Erinnerungen, die wir in die Filme hineintragen.“ – Dunja Bialas und Bernd Brehmer, Leitung UNDERDOX
Archivio Aperto (Bologna) – Deutsche Premiere
Die besondere Rolle des filmischen Bewahrens und Erinnerns kommt dem Archiv zu. In Zusammenarbeit mit Archivio Aperto in Bologna, dem von der Fondazione Home Movies – Archivio Nazionale del Film di Famiglia veranstalteten Festival, präsentiert die 21. Ausgabe von UNDERDOX das Programm Memory & Archive. Es versammelt zeitgenössische Kurzfilme aus früheren Festivaleditionen, die Archivmaterial auf kreative Weise wiederverwenden – mit einem besonderen Fokus auf private und amateurhafte Bildwelten und Erinnerungen. Das Vergangene aktualisiert sich in ihnen als Gegenwart der projizierten Bilder. Der präsentische Raum wird auch von unseren eigenen Erinnerungen erfüllt. – Kuratiert im Rahmen von Young People’s Choice
Michal Kosakowski: HOLOFICTION

Der polnisch-deutsche Medienkünstler Michal Kosakowski untersucht die Ikonografie des Holocausts im Spielfilm durch eine Montage aus Tausenden von fiktionalen Nach-Bildern. Wiederkehrende Muster greifen auf die historischen Aufnahmen bei Kriegsende zurück und entfesseln einen erschütternden Essay über das kollektive Gedächtnis, in das die Bilder des Schreckens eingegangen sind. Buch zum Film: „Holofiction“, hg. von Marcus Stiglegger, mit einem Vorwort von Dominique Lanzmann und Volker Schlöndorff, Schüren-Verlag, Juli 2026
Stanley Schtinter: LAST MOVIES – Deutsche Premiere

Der britische Filmkünstler Stanley Schtinter versammelt in seinem Kompilationsfilm LAST MOVIES eine sorgfältig recherchierte ultimative Filmgeschichte im Angesicht des Todes berühmter Persönlichkeiten. Welche Filme haben Franz Kafka, F.W. Murnau, Charlie Chaplin, Sergio Leone, John F. Kennedy, Olof Palme oder Kurt Cobain als Letztes gesehen – bevor sich ihre Erinnerung für immer auslöschte?
Norbert Pfaffenbichler: ADGIN PRRRX – Deutsche Premiere

Der österreichische Avantgardist Norbert Pfaffenbichler zerlegt John Frankenheimers Formel-1-Klassiker GRAND PRIX (1966) in seine Einzeleinstellungen und reassembelt sie in der Montage streng nach dem metrischen Prinzip der Dauer. Das Ergebnis ist ein verblüffender Erinnerungsreigen, der das Voranschreiten der Zeit in der permanenten Wiederkehr nahezu anhält. Noch während wir den Film sehen, werden wir in den Zustand des Erinnerns an das Gesehene versetzt.
Laura Coppens: SEDIMENTE

Laura Coppens‘ Großvater, im Krieg geboren, in der DDR aufgewachsen und zum Arzt ausgebildet, später von der Stasi als IM angeworben, dann jäh fallengelassen, als er sich weigerte, den Kontakt zu seiner Tochter abzubrechen, die sich in einen Spanier verliebt hatte und nach Madrid ausreiste. „Wir sind das Volk!“, Christa Wolfs Rede am 4. November 1989 in Ost-Berlin. Super-8-Erinnerungen der jungen Großeltern, Sommerurlaub, Verliebtsein, schwarzes Haar. Ein betörender Essay-Film.